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Abgespeckter BU-Schutz für Handwerker

02.07.2018

Wer beobachtet, wie die Versicherungsbranche versucht, sich zu modernisieren, den überkommen öfter mal Zweifel. Anstatt wirklich neu zu denken, werden oft veraltete Prozesse umgebaut, um mit den modernen Zeiten kompatibel zu werden. Zur Not wird alles ins Internet gestellt, um dann moderner auszusehen. Dabei wird dann viel Geld verbrannt – und es bleibt nur festzustellen, dass die alten Prozesse auch online nicht funktionieren.

Philip Wenzel (Bild: privat)
Philip Wenzel (Bild: privat)

Manchmal ist es auch ausreichend, dem Kind einfach einen neuen Namen zu geben, um ein innovatives Produkt zu kreieren. Beinahe folgerichtig, dass eine der größeren Neuerungen in der Berufsunfähigkeits- (BU-) Versicherung der letzten Jahre von einem bis dato eher unauffälligen Marktteilnehmer in diesem Bereich kommt.

Wobei Neuerung auch wieder etwas hoch gegriffen ist. Es geht um eine Kombination bestehender Lösungen, einer guten Idee und einer sehr guten Marketingstrategie.

Neues Angebot des Münchener Vereins

Die Münchener Verein Versicherungsgruppe, die im Maklermarkt eher für Lösungen im Krankenbereich bekannt ist, hat mit dem Tarif „Deutsche Handwerker Berufsunfähigkeits-Versicherung Aktiv“ eine Lösung auf den Markt gebracht, die es so noch nicht gegeben hat.

Der Tarif ist eine abgespeckte BU-Versicherung, die bei Unfall und Erkrankungen und Verletzungen der Gelenke, Bänder, Sehnen, Muskeln und der Wirbelsäule voll leistet. Bei allen anderen Erkrankungen wie psychische Erkrankungen, Krebs oder Schlaganfall leistet sie nur die Hälfte der vereinbarten Summe.

Für eine zusätzliche Beitragsersparnis ist der Tarif mit einer Karenzzeit von sechs bis 24 Monaten und einer 75-Prozent-Klausel zu belegen. Bei der 75-Prozent-Klausel wird die Leistung erst ab einem BU-Grad von 75 Prozent fällig.

Ungewöhnliche Formulierungen

Es ist dem Münchener Verein hoch anzurechnen, dass er sich bei den Allgemeinen Versicherungs-Bedingungen nicht bei etablierten Größen bedient hat. Das liest sich dann teilweise etwas ungewöhnlich und zwingt zum Nachdenken. Zum Beispiel, wenn es bei der konkreten Verweisung heißt, dass die Grenze der Zumutbarkeit bei 80 Prozent liegt und dabei „[k]rankheitsbedingte Einkommensausfälle […] nicht berücksichtigt“ werden (Tarif „Aktiv“ §3 (2)).

Damit ist wohl gemeint, dass das Gehalt in gesunden Tagen als Grundlage dient. Streng genommen könnte es aber auch bedeuten, dass im neuen Job des Versicherten krankheitsbedingte Einkommensausfälle nicht berücksichtigt werden.

Ein Beispiel: Der Versicherte hat früher 3.000 Euro verdient. Aufgrund seiner Krankheit arbeitet er jetzt halbtags in einem anderen Beruf und verdient dort 1.500 Euro. Das sind keine 80 Prozent. Wenn jetzt aber der Versicherer sagt, dass er ja krankheitsbedingt halbtags arbeitet und dieser Einkommensausfall nicht berücksichtigt wird, dann wäre er wieder bei 100 Prozent und könnte konkret verwiesen werden.

Dies geht selbstverständlich nicht. Aber man stolpert, wie schon geschrieben, beim Lesen über die eine oder andere ungewöhnliche Formulierung.

Interessante Überbrückungsleistung

Nebenbei bemerkt, der Münchener Verein hat schon bei sich selbst abgeschrieben. Das lässt sich daran erkennen, dass sich in den AVB zum Tarif „Aktiv“ bei den Mitwirkungspflichten der behördliche Bescheid zum Tätigkeitsverbot wegen Infektionsgefahr findet, der Verweis auf den genannten Paragrafen aber ins Leere, beziehungsweise in die AVB zur „normalen“ SBU führen würde. Derlei „missing links“ finden sich aber in beinahe allen AVB.

In beiden Varianten, Tarif „Aktiv“ und SBU, gibt es eine sogenannte Überbrückungsleistung, die interessant ist. Die Leistung aus der Versicherung beginnt, wenn ein privater Krankentagegeld-Versicherer die Leistung wegen einer vorliegenden Berufsunfähigkeit oder die gesetzliche Krankenkasse ihre Zahlungen wegen vorliegender voller Erwerbsminderung einstellt.

Geleistet wird so lange, bis der Münchener Verein feststellt, dass keine Berufsunfähigkeit vorliegt. Die geleisteten Renten müssen dann nicht zurückerstattet werden. Es sei denn, die BU wird wegen einer Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht nicht anerkannt.

Eine weitere Zusatzleistung, die aber in die Rubrik „nice-to-have“ fällt, ist die Einmalzahlung von zwei Monatsrenten bei einem Arbeitsunfall.

Merkwürdige Definition des Auslösers

Bei dem „normalen“ SBU-Tarif des Münchener Vereins kann der Versicherte eine Arbeitsunfähigkeits- (AU-) Klausel anwählen. In dieser Ausgestaltung ist das auch neu am Markt. Der Versicherer leistet für 18 Monate gegen Vorlage einer Krankschreibung. Eine gleichzeitige Beantragung der Leistung wegen Berufsunfähigkeit ist nicht erforderlich.

Merkwürdig liest sich vor diesem Hintergrund aber der § 2, in dem der Auslöser definiert wird. Hier heißt es, dass der Versicherte eine ärztliche Bescheinigung benötigt „und bei der Beurteilung auch darauf abgestellt wurde, welche Bedingungen die bisherige Tätigkeit konkret geprägt haben“.

Durch das „und“ ist der Leistungsauslöser zweigeteilt. Es könnte also bedeuten, dass der Versicherte die Krankschreibung nachweisen muss und zusätzlich nachweisen muss, dass diese auf seinen zuletzt ausgeübten Beruf abgestellt wurde.

Erklärung des Münchener Verein

Auf Anfrage beim Versicherer erklärte dieser, dass der „Gelbe Schein“ als Nachweis ausreichend ist. Dieser Passus bezieht sich auf die Richtlinie über die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit. In dieser Richtlinie ist die Formulierung tatsächlich beinahe wörtlich in § 2 (1) zu finden. Und daran muss sich der Arzt eben halten, wenn er eine Krankschreibung ausstellt.

Die Formulierung des Münchener Vereins ist also dem Sinn nach besser als ein Bezug auf den § 5 EntgFG, weil sie nicht nur für Angestellte gilt. Es wäre im Kundensinne begrüßenswert, wenn der Versicherer auch in den Bedingungen klarstellen würde, dass der Kunde nicht nachweisen muss, dass bei der Beurteilung darauf abgestellt wurde, welche Bedingungen die bisherige Tätigkeit konkret geprägt haben, sondern die Krankschreibung den Vorgaben der Richtlinie entsprechen muss.

Für gut verdienende selbstständige Handwerker

Unterm Strich betrachtet ist vor allem die Variante „Aktiv“ tatsächlich interessant für gut verdienende und/oder selbstständige Handwerker, die über ein Krankentagegeld oder genügend Rücklagen verfügen, um die Karenzzeit zu überstehen. Außerdem sollten sie ihre größte Bedrohung in Unfällen und Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats, aber nicht in (psychischen) Krankheiten sehen.

Wie weit das mit der Wirklichkeit der Leistungsfälle korreliert, sei dahingestellt. Es ist aber eine weitere Lösung, die im Einzelfall passen kann.

Der 38-jährige Schreiner zahlt für 1.000 Euro Rente bei einem Prozent Leistungsdynamik bis zum Endalter 67 in der „Aktiv“-Variante 82,99 Euro (brutto 110, 65 Euro). In der normalen Variante inklusive AU-Klausel sind es 138,18 Euro (brutto 184,24 Euro).

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